Lübeck’s Altkleider werden doch nicht zerschreddert

Die Entsorgungsbetriebe Lübeck (EBL) haben Ihr Containernetz für die Altkleidersammlung auf 160 Container im ganzen Stadtgebiet ausgeweitet. Dafür wurden 160 000 Euro  für die Anschaffung investiert. Die EBL-Verantwortlichen rechnen mit 1000 Tonnen Altkleider pro Jahr. Bei Verkaufspreisen von 200 bis 400 Euro pro Tonne werden die Ausgaben abgedeckt und ein Gewinn entstehen. Die Entsorgungsbetriebe Lübeck hat somit gut halb so viele Container aufgestellt wie die Firma Retextil.

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Michaela Blunk (FDP), die die Bürger vor zweieinhalb Jahren öffentlich aufforderte (wir berichteten), ausrangierte Textilien nicht in die Sammelboxen zu werfen, sondern direkt in Kleiderkammern abzugeben, ist fassungslos über den Ausbau durch die Entsorgungsbetriebe Lübeck. „Ich sehe die Sammlung durch die Entsorgungsbetriebe nach wie vor kritisch“, sagt die FDP-Politikerin. Vor zweieinhalb Jahren versicherte das Unternehmen, dass nichts in die Dritte Welt gehen solle. Mit diesem Standpunkt steht Frau Blunk allerdings alleine da, denn alle anderen Parteien sind überzeugt, dass Altkleiderexporte z.B. Afrika keinen ökonomischen Schaden Vorort anrichten und der ökologische Gewinn durch das Recycling genutzt werden sollte. Mehr dazu hier.

Es geht um 3000 Tonnen Altkleider pro Jahr

Retextil gehört zur Soex- Gruppe und hat mit 304 Altkleidercontainern in Lübeck die meisten Standorte. Trotz gestiegener Behälteranzahl, insbesondere durch die Zusammenarbeit mit Wohnungsbaugesellschaften und Lebensmitteleinzelhändlern, gab es bei der gesammelten Menge einen Rückgang um 25% im Vergleich zum Vorjahr.

Ein Gutachten vom Dezember 2014 geht davon aus, dass in Lübeck jährlich ca. 3000 Tonnen Altkleider und Schuhe anfallen. Bislang hätten sich 16 gewerbliche und drei karitative Sammlungen die Alttextilien geteilt, so die Gutachter. Die EBL waren bis Anfang 2014 nur mit den Standorten auf ihren Wertstoffhöfen beteiligt, wo nur 20 Tonnen anfielen. Die Gutachter kamen zu dem Ergebnis, dass sich ab 650 Tonnen pro Jahr der Aufbau eines Containernetzes lohne.

Gemeinnützige Sammler merken (noch) nichts

get.jpegÜberraschenderweise fühlen sich die gemeinnützigen Sammler durch den Ausbau des Containernetzes durch die Stadt überhaupt nicht benachteiligt. Bei der Brockensammlung am Hauptbahnhof hat sich bis jetzt die Auswirkung noch nicht bemerkbar gemacht. Und auch die Vorwerker Diakonie, die 85 Altkleidercontainer bewirtschaftet 85 Container und pro Jahr 500 Tonnen Altkleider sammelt sammelt, fühlt sich durch die neue Konkurrenz nicht bedroht. Auch die Gemeindediakonie, die seit Anfang März eine Kleiderbox für Flüchtlinge unterhält, spürt nichts von der EBL-Offensive. „Die Bereitschaft der Bürger, uns Kleidung zu spenden, ist ungebrochen“, versichert Sonja Schmidt, stellvertretende Bereichsleiterin Wohnanlagen.

Breite Zustimmung erhalten die Entsorgungsbetriebe aus der Politik. „Wir unterstützen den Kurs“, sagt Dirk Freitag (CDU). „Damit lässt sich Geld verdienen — und das trägt zur Stabilität der Abfallgebühren bei.“ Auch Harald Quirder (SPD) ist überzeugt: „Das entlastet den Gebührenzahler.“ Silke Mählenhoff (Grüne) spricht von einer „guten Initiative“. Die Fraktionsvize der Grünen erwartet aber noch Nachweise, wie der Hamburger Aufkäufer die Alttextilien verwertet. Die anfängliche Debatte, dass Lübecker Altkleider auf Märkten in der Dritten Welt landen und das dortige Textilhandwerk zerstören könnten, hat sich aus Sicht von SPD und CDU erledigt.