Nachhaltigkeitsstrategien der Textilwirtschaft

Im heutigen Beitrag wollen wir mal wieder etwas über den “Altkleider-Tellerrand” schauen. Den Anstoß dazu gab das Würzburger Verwaltungsgericht am 10.2.2015 mit einem vermeintlichen Grundsatzurteil.

Modehersteller dürfen alle Altkleider annehmen

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Foto: Kokoska/WAZ

Demnach darf die Modekette Adler weiterhin alte Kleidung aller Marken annehmen, ohne dass sie dafür eine gewerbliche Sammlung anmelden muss. Die Modekette Adler hatte gegen einen entsprechenden Bescheid des Bayerischen Landesamtes für Umwelt geklagt. Dieses hatte die Sammlung alter Kleidung im Sinne der Produktverantwortung zunächst anerkannt – allerdings unter der Bedingung, dass Adler nur selbst produzierte Kleidung annimmt. Diese Bedingung ist aber nicht erfüllt worden und führte zu einem gerichtlichen Prozess. Die Bedingung ist nun aus dem ursprünglichen Bescheid gestrichen worden. Damit steht der Altkleidersammlung aller Textilen durch den Modehersteller nichts mehr im Wege.

Warum Modehersteller alte Kleider und Schuhe wieder zurücknehmen?

Die Gründe, warum Modehersteller Altkleider sammeln, werden von unterschiedlichen Quellen kontrovers diskutiert. Die einen sprechen von geschickten Marketingmaßnahmen, die anderen vom Beginn einer neuen Nachhaltigkeitsstrategie.

Die Kritiker sagen:

1. Der Textilkonsum und damit auch der Ressourcenverbrauch wird dadurch weiter verstärkt. Denn jemand, der seine alten Klamotten in ein Geschäft bringt, ist ein potenzieller Kunde für neue Kleidung des Unternehmens. Unterstützt wird dies durch einen Gutschein für den nächsten Einkauf bei der Modekette.

2. Die gesammelten Altkleider werden an Verwertungsfirmen zu Marktpreisen verkauft. Dann, ebenso wie Altkleider aus Containersammlungen, sortiert und herkömmlich recycelt. Dies schadet den bestehenden Organisationen, insbesondere den karitativen Einrichtungen, die mit weniger Sammelerlösen rechnen müssen.

Die Visionäre entgegnen:

1. Die Modeketten stehen am Anfang eines Paradigmenwechsels. Die Rücknahme der Altkleider ist ein wichtiger Schritt um den Kreislauf zwischen Produktion und Wiederverwertung zu schließen und ressourcenschonend zu produzieren.

Das Ziel ist es eine alte Jeans zu zerschreddern und aus diesen Fasern eine neue Hosen zu fertigen – und zwar ohne umweltschädliche Chemikalien, unter fairen Arbeitsbedingungen und mit Ökostrom.

Dieses Prinzip ist auch unter Cradle-to-Cradle bekannt

Der Ansatz von Cradle to Cradle (“von der Wiege zur Wiege”) wurde vom U.S.-amerikanischen Architekt William McDonough und dem deutschen Chemiker Michael Baumgart entwickelt und 2002 in einem Buch zusammengefasst. Hierbei wird bei der Produktion nicht nur an das Endprodukt und dessen Verwendung selbst gedacht, sondern auch daran, was damit nach dem Gebrauch geschieht. Deswegen werden die Produkte so hergestellt, dass nach abgeschlossener Nutzung das gesamte verwendete Material wieder verarbeitet oder ohne schädliche Rückstände entsorgt werden kann. Güter sollen nicht ver- sondern gebraucht werden und somit nie zu Abfall werden – ein Kreislauf entsteht. In diesem fügen sich die eingesetzten Ressourcen am „Lebensende“ des Produkts wieder in einen Nährstoffkreislauf ein.

Cradle-to-Cradle als Nachhaltigkeitsstrategie der Textilwirtschaft

Zahlreiche Hersteller wie Puma, Adler, TheNorthFace, H&M suchen nach Wegen, wie aus den Fasern alter Kleidung neue hochwertige Kleidung produziert werden kann. Die Fasern aus zerhechselten Altkleidern sind jedoch meist zu kurz um damit neue Garne zu spinnen, die eine für Kleidung nötige Reisfestigkeit aufweisen. Was jedoch heute schon möglich ist: die Fasern aus alten Textilien und neue Baumwollfasern zu mischen. Ähnlich wie der “Ökosprit” E10 ist dieser Kompromiss aber nicht ausreichend, denn der Großteil besteht immer noch aus endlichen Ressourcen für die das Cradle-to-Cradle Prinzip nicht gilt. Die Frage ist nun: ist es möglich die Produktionsverfahren von neuen Textilen so zu verändern, dass qualitativ gleichwertige Produkte aus Altkleidern gefertigt werden können. Und wann wird das sein?

Das Unternehmen Trigema hat einen anderen Weg eingeschlagen, um den Kreislauf zu schliessen. Anstatt alte Textilen zu hechseln, sollen diese kompostiert werden.

T-Shirt

Das T-Shirt wird zu umweltverträglichem und nährstoffreichem Humus, auf dem wieder neue Baumwolle wachsen kann. Das Unternehmen stellt das Konzept in diesem PR-Video da.

Gehören ab jetzt Altkleider in den Bio-Müll?

In einer idealen “Cradle-to-Cradle-Welt”, in der jedes hergestellte Produkt einem technischen oder natürlichen Kreislauf umweltverträglich zurückgeführt würde, müssten wir uns als Verbraucher keine Gedanken machen. Soweit sind wir noch nicht. Erste Schritte sind getan, doch es ist ein weiter Weg. Die Unternehmen müssen weiter nach innovativen Lösungen suchen und diese massentauglich machen, denn die Nachfrage nach Textilien wird weiter steigen.

Unternehmen und wir als Verbraucher sollten deshalb mehrere Nachhaltigkeitsstrategien parallel umsetzen:

1. Unternehmen sollten besser produzieren, die Effizienz steigern und dabei verantwortungsbewusst mit Mitarbeitern, Umwelt und Rohstoffen umgehen.

2. Unternehmen sollten anders produzieren. Sie sollten schon bei der Herstellung der Produkte auf die Möglichkeit der Weiterverwendung und Umweltverträglichkeit achten.

3. Verbraucher sollten weniger konsumieren und sich ihrer Macht bewusst werden, wo sie welche Produkte kaufen – und wie sie diese “entsorgen”.

Altkleider-Effizienz-Konsistenz-Suffizienz